Fernsehen ist toll


 

Das Hoffen auf die Wiedergeburt der Qualität

Fernsehen darf sich nicht kaputt sparen – Executive Producer würde roten Faden zurück bringen

Von Marcus Stiehl-Bruch

 

Die vor 1985 Geborenen haben miterlebt, wie das Fernsehen seine Konkurrenten Radio und Zeitung mehr und mehr zur Bedeutungslosigkeit verkommen hat lassen. Nun droht dem Medium das gleiche Schicksal: Für die Unter-29-Jährigen ist bereits jetzt das Internet ihr Leitmedium – und die Fernsehmacher setzen alles dran, diesen Trend zu bestärken. Vor allem im Bereich der Information.

Privatfernsehen und Öffentlich-Rechtliche mussten im Personalbereich sparen. Aus unterschiedlichen Gründen: Den Privaten bröckelt das Werbegeschäft als Basis. Das Öffentlich-Rechtliche hat andere Prioritäten gesetzt. So kosten das ZDF allein die Rechte für die Fußball-Champions-League über 50 Millionen Euro im Jahr. Nun gehören zum öffentlich-rechtlichen Auftrag nicht nur die Bildungsformate, auch Unterhaltung sollen die Sender per Staatsvertrag liefern. Nur zeigt allein diese Summe, dass Spielraum da ist.

Jedes Unternehmen plant seinen eigenen Etat. Als Ganzes entscheiden sie damit aber über die Zukunft des Mediums. Wie solche Weichenstellungen in die falsche Richtung führen können, erleben gerade die Kollegen in den Zeitungen. Dort hat das Sparen eine Spirale in Gang gesetzt: Weil weniger Menschen zu Tageszeitungen griffen, haben die Blätter auf Kosten ihrer Qualität eingespart – die zurückgehende Qualität und Originalität führen nun dazu, dass noch weit weniger Menschen zu Zeitungen greifen.

Diesem fortgeschrittenen Trend müssen die Fernsehmacher in ihrem Metier früh entgegenwirken. Noch ist Qualität ihr Bonus gegenüber Internet-Produktionen. Auch wenn leidenschaftliche Hobbyfilmer fehlende Etats durch ihr Engagement wegmachen. Zum Beispiel die Lego-Animationen. Sie wären im professionellen Bereich kaum gegen zu finanzieren. Und auch im Bereich der Originalität darf das Fernsehen nicht zu weit zurückfallen.

Immer mehr Aufgaben werden vom Fernsehen an Externe wie Quadrolux ausgegliedert. Und natürlich sind diese Externen in der Lage, ihren Teilbereich in hoher Qualität umzusetzen. Allerdings fehlt oft eine führende Hand, welche die Arbeit der zuliefernden Agenturen zusammenführt. Das Berufsbild des Executive Producers gibt es nicht mehr. Nun fehlen die Fernseh-Versteher. Dem Gesamtprodukt ist das oft anzusehen.

Ohne Spezialisierung geht es im Fernsehen des dritten Jahrtausends natürlich nicht. 3D-Animation, Lichtdesign, Aufnahmeleitung – das ist ohne hohes Fachwissen nicht leistbar. Und dennoch müssen die dafür notwendigen Spezialisten auch den Blick fürs Ganze mitbringen. In den Punkten, in denen ihnen dieses Vermögen individuell fehlt, müssen sie es über Teamleistungen nachholen: Sich mit dem Produkt beschäftigen, in Auseinandersetzungen gehen – letztlich das Medium Fernsehen lieben.

Die Vorteile des Internets gegenüber dem Fernsehen sind allseits bekannt. Wie schwer sich das alte Medium tut, diese ausgleichen zu wollen, erleben wir, wenn in einer Samstagabend-Show Tweets zur Show vorgelesen werden – oder über ein Schriftband abrollen. Fremdschämen ist für das dabei Empfundene die passende Vokabel. Die Unmittelbarkeit des Internets kann durch solchen Ersatz im Fernsehen nicht hergestellt werden.

Das Internet ist das, was auf der Bühne das epische Theater ist: Es durchbricht die Illusion und legt die Produktionsbedingungen offen. Das Fernsehen hingegen ist das gute alte Illusionstheater. Vor ihm versammeln sich die Menschen, die sich nicht ihr Programm zusammenstellen wollen. Sie wollen die starke Erzählung. Und das nicht nur in der Unterhaltung.

In den 90ern haben Zeitungen versucht sich zu retten, indem sie die Zeitungen den Bedürfnissen derer anpassten, die nicht gerne Zeitungen lesen. Das war ein Denkfehler, der Auflagen schneller und stärker zurückgehen ließ. Das Fernsehen darf diesen Fehler nicht wiederholen. Es muss auf die Menschen setzen, die das Bedürfnis haben, eine Geschichte aus einer Hand zu erfahren.

Dieses Bedürfnis ist ohne den Executive Producer kaum zu realisieren. Wir brauchen dieses Berufsbild wieder. Und wenn die Sender diese Überblick-Funktion nicht anbieten können, sollten sie auf Agenturen setzen, die diese für das Medium überlebenswichtige Fähigkeit mitbringen.